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„thyssenkrupp Elevator läuft einen Marathon, keinen Sprint“

Andreas Schierenbeck, erfahrener Marathonläufer, sieht dem höchsten Treppenhauslauf Westeuropas im thyssenkrupp-Testturm am 16. September mit Respekt entgegen. Hier bei Videoaufnahmen auf dem Dach des Testturms. Foto: Stefan Ettwig
Seit 2013 ist Andreas Schierenbeck Vorstandsvorsitzender der thyssenkrupp Elevator AG.

ESSEN/ROTTWEIL. Wenn am 16. September im thyssenkrupp-Testturm in Rottweil rund 600 Läufer bei Deutschlands höchstem Treppenlauf an den Start gehen, ist Andreas Schierenbeck dabei. Der Vorstandsvorsitzende der thyssenkrupp Elevator AG ist, wie viele erfolgreiche CEOs, passionierter Langstreckenläufer. Im Interview erklärt er, warum auch die Transformation einer Branche keine Kurzstrecke ist – und warum Ausdauer sich lohnt, egal, ob im Job oder beim Sport.

Wann haben Sie begonnen, Marathon zu laufen – und warum?

Andreas Schierenbeck: Mein erster Marathon war ein Geschenk zum 40. Geburtstag – dieser runde Geburtstag ist für viele ja ein wichtiger Punkt in der Biografie und meine Frau und meine Freunde dachten, ich müsste auf Trab gebracht werden. Sie haben mich also in Zürich angemeldet – und Recht hatten sie: Ich war damals außer Form, schnell außer Atem. Ich habe dann mit dem Lauftraining begonnen und nach einem Jahr die ersten Mountainbiker überholt. Beim Marathon in Zürich war ich nach 3:47 Stunden im Ziel – also bevor meine Frau überhaupt losgefahren ist, um mich abzuholen.


Zu welcher Tageszeit laufen Sie am liebsten? Haben Sie einen Tipp, wie man das Training in seinen vollen Terminkalender unterbringt?

Schierenbeck: Für mich funktioniert das Lauftraining am besten morgens. Ich laufe drei Mal die Woche jeweils für eine Stunde, wenn es sein muss, auch mal um 4 Uhr morgens. Danach gehe ich ganz normal ins Büro. Am Wochenende trainiere ich regelmäßig 30-Kilometer-Strecken. Diese Taktung bekommt man auch im größten Stress hin.


Wer mit Ihnen dienstlich unterwegs ist, kann sich morgens mit Ihnen zum Laufen verabreden. Besprechen Sie dabei das Geschäft – oder haushalten Sie mit Ihrer Puste?

Schierenbeck: Wenn man unbedingt will, kann man sich mit mir zum Laufen verabreden, ja. Sie sind herzlich eingeladen! Das Angebot wird gelegentlich auch von Kollegen wahrgenommen – und auf zehn Kilometern und in etwas über 50 Minuten besprechen wir dann locker alles, was ansteht. 


Wie viel beim Marathonlaufen hängt von der richtigen Einstellung ab?

Schierenbeck: Das Wichtigste, nämlich das Erreichen der Ziellinie, ist Sache des Kopfes und nicht mehr die eines trainierten Körpers. Sie gelangen irgendwann an einen Punkt, bei mir ist das spätestens um den 30. Kilometer herum, an dem Sie Schwierigkeiten spüren: Am Straßenrand stehen kaum noch jubelnde Passanten, das Läuferfeld hat sich gelichtet, Sie sind allein unterwegs, die Knie schmerzen, der Kopf ist leer – und Sie fragen sich: „Was mache ich hier eigentlich?“, „Warum habe ich mich auf diesen Marathon eingelassen?“ und „Wann bin ich endlich im Ziel?“ Das ist der Zeitpunkt für eine ganz persönliche Entscheidung, und die wird Ihnen niemand abnehmen:  Laufen Sie trotz Schmerzen weiter – oder geben Sie auf?


Zurücklaufen ist keine Option, denn die Startlinie ist noch weiter weg ist als die Ziellinie …

Schierenbeck: Ein pragmatischer Ansatz! Sie könnten sich aber auch sagen: „Vielleicht laufe ich nie wieder einen Marathon, aber das hier bringe ich zu Ende. Ich bin so weit gekommen, dass ich jetzt auch bis ins Ziel laufe.“


Ist Marathonlaufen wie das Führen eines großen Konzerns – nur mit etwas anderen Mitteln?

Schierenbeck: Naja, Sie haben zwei Energiequellen bei einem Marathon – die Kohlenhydrat- und die Fettverbrennung – und beide müssen klug kombiniert werden, um ans Ziel zu kommen. Das ist erst einmal ein klassisches Ingenieursproblem, wie wir es in unserem Konzern gern lösen. Und für Manager wie für Marathonläufer gilt gleichermaßen: Es ist leicht, sich anzumelden und loszulegen – und es ist auch leicht, einen Trainings- oder Businessplan aufzustellen. Sich dran zu halten, auch bei schlechtem Wetter, wenn Sie müde sind, keine Lust haben, Rückschläge hinnehmen müssen, das ist die Disziplin, die spannend ist.  Das gilt für alle, nicht nur für einen CEO.


Durchhaltevermögen, Arbeitseinsatz, Ziel, Plan, Entschlusskraft – lässt sich die Transformation einer Branche, wie die Aufzugsindustrie, mit einem Marathon vergleichen?

Schierenbeck: Die Parallelen sind stark: thyssenkrupp Elevator läuft einen Marathon, keinen Sprint. Wir sind Jahrzehnte nach den etablierten Aufzugsfirmen überhaupt erst gestartet und haben seitdem eine gigantische Aufholjagd hingelegt. Wir wollen nicht nur mitlaufen, sondern ganz neue Laufstrecken erschließen und die Richtung definieren – etwa mit dem weltweit ersten seillosen Aufzugssystem MULTI und der vorausschauenden Wartung MAX, die Aufzugsdefekte erkennt, bevor sie eintreten. 19 Quartale in Folge hat thyssenkrupp Elevator Rekordwachstum erzielt – seit 2012 haben wir den Umsatz um 30 Prozent, den operativen Gewinn um 80 Prozent und den Kapitalfluss um 155 Prozent gesteigert. Bei allen Gemeinsamkeiten gibt es aber auch Unterschiede: Plan und Entschlusskraft allein reichen nicht aus, wenn ein Unternehmen sich eine Marathonaufgabe vorgenommen hat.

 

Welche Eigenschaften braucht eine Organisation, die mehr plant als nur einen kurzen Sprint?

Schierenbeck: Für mich persönlich kommt es auf vier Dinge an: Ich schätze Kollegen, die ungelöste Probleme im Konzern zu ihren eigenen machen statt sie zu ignorieren. Ich lege Wert darauf, dass wir Versprechen und Zusagen einhalten, egal, ob jemand zuschaut oder nicht. Vieles schafft man nicht allein, daher braucht es aufgeschlossene Kollegen, die ihre Hilfsbereitschaft nicht von Boni oder Beförderungen abhängig machen. Und zu guter Letzt braucht es Mut und Mumm – für Innovationen, die die Branche umkrempeln, große Projekte oder schlicht den Alltag, in dem um jeden Auftrag gekämpft wird. Man darf eben keine Scheu vor Neuland oder kalkuliertem Risiko haben: Auch beim Training für einen Marathon testen Sie sich nie auf die kompletten 42 Kilometer. Der echte Wettkampftag bringt also Dinge mit sich, die Sie nicht erwartet haben, aber bewältigen müssen.


Wie überwinden Sie Ihren inneren Schweinehund, wenn Sie mal keine Lust haben?

Schierenbeck: Ich laufe grundsätzlich sehr gern, es macht mir Spaß und ist keine Qual. Wer öfters gegen den Schweinehund argumentieren muss: Es ist wesentlich leichter, in Form zu bleiben durch regelmäßiges Training als lange nichts zu machen und immer wieder von vorn anzufangen.


Trainieren Sie in Rottweil, wenn Sie im thyssenkrupp-Testturm zu tun haben?

Schierenbeck: Ja, es gibt eine herrliche Strecke von der historischen Kernstadt über die Hochbrücke, vorbei am Stadtgraben, und dann hoch über die „In der Au“, die Tafelgasse, mit wunderschönen Blick über Altstadt und Testturm und weiter durchs Naturschutzgebiet. Für den Towerrun habe ich gleich im Testturm Rottweil trainiert.


Welche Zeit gilt es zu schlagen?

Schierenbeck: 13 Minuten und 14 Sekunden – auf 250 Metern. Wie bei jedem anstrengenden Lauf zählt aber auch hier das Gesamterlebnis, und eine Ziellinie auf 243 Metern Höhe mit grandioser Aussicht über den Schwarzwald ist durch keinen Städte-Marathon der Welt zu schlagen.

 

 


Kurzinfo: Marathonläufer sind die besseren Manager

Sportveranstaltungen wie Marathons fördern nicht nur die Gesundheit und Fitness der Bevölkerung, sondern bringen auch das Beste in Managern zum Vorschein – dies belegen Forschungsergebnisse[1]. Laut einer Studie des Social Science Research Network hat die Fitness von Managern, die sich daran zeigt, dass sie einen Marathon bis ins Ziel laufen, einen positiven Einfluss auf den Unternehmenswert. So sind Konzerne, deren Vorstandsvorsitzende im Studienzeitraum einen Marathon absolviert haben, im Schnitt um fünf Prozent mehr wert als Konzerne mit „unsportlichen“ CEOs an der Spitze. Die Forscher vermuten, dass regelmäßiges Training für einen Marathon den Stressabbau fördert und die kognitiven Fähigkeiten schärft – und Menschen, die besonders hohen Belastungen im Job ausgesetzt sind, ihre berufliche Leistungsfähigkeit durch Ausdauersport verbessern und regenerieren können.

 

Zur Person:

Andreas Schierenbeck, 52, ist 2006 den ersten Marathon gelaufen und hat sich seitdem vom Gelegenheitsläufer zum echten Langstreckenfan entwickelt: Er ist bereits in New York, Berlin, Zürich, Chicago, Kalifornien, Tokyo, Marrakesch, Sidney, Rio de Janeiro und Boston an den Start gegangen. Den letzten und 13. Marathon ist der CEO von thyssenkrupp Elevator dieses Jahr in der Antarktis gelaufen. 2019 geht er in London an den Start. Zuvor sieht er dem höchsten Treppenhauslauf Westeuropas im thyssenkrupp-Testturm in Rottweil am 16. September mit Respekt entgegen. „Anstrengung und Technik beim Treppenlauf sind eine ganz andere als in der Fläche“, so Andreas Schierenbeck, „das ist eine höchstspannende, neue Herausforderung.“ Rund 50 weitere thyssenkrupp-Mitarbeiter gehen ebenfalls in Rottweil an den Start.

 

Andreas Schierenbeck ist seit 2013 Vorstandsvorsitzender der thyssenkrupp Elevator AG.


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